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„Gewalt ist nie privat“
Diözesantagung des SkF im Bistum Trier: Gewaltopfer schützen, Täter anklagen
Unter dem Leitwort „Beneide den Gewalttätigen nicht, wähle keinen seiner Wege“ (Spr 3, 31) hatte der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) zu seiner Diözesantagung eingeladen. Über 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen informierten sich über unterschiedliche Formen von Gewalt gegen Frauen.
Themenschwerpunkte der Tagung im Josefstift in Trier waren häusliche Gewalt, polizeiliche Gewalt, Gewalt in den Medien und Gewalt in Krankenhäusern und Altenheimen. Im Mittelpunkt stand dabei, welche Verantwortung Christen in diesem Kontext tragen und welche Wege aus der Gewalt führen.
„Gewalt ist nie privat“, betonte Gisela Lauer, Vorsitzende des Diözesanvereins im Bistum Trier. Deshalb müsse das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit getragen werden. Gewalt sei in nahezu allen Lebensbereichen zu finden, unterstrich die Diözesanvorsitzende. Leider führe sie oft zum Erfolg - betrachte man kriegerische Auseinandersetzungen oder auch die heutige Ellenbogengesellschaft. „Gewalt wird aber immer zu Lasten der Opfer ausgeübt und verleiht dem Täter in den meisten Fällen Macht“, sagte Lauer. „Die Opfer leiden oft lebenslang an den Folgen von Misshandlungen.“ Schwere Beeinträchtigungen der körperlichen und seelischen Gesundheit seien die Konsequenzen, sagte die Vorsitzende.
Gewalt fordert eine deutliche Sprache
Barbara Haslbeck von der Universität Passau eröffnete die Tagung mit einem Vortrag zum Thema „Gewalt gegen Frauen als Herausforderung an die Kirche“. Die Diplomtheologin war jahrelang in der Notrufarbeit tätig. Dies sei ein Grund für ihr wissenschaftliches und theologisches Interesse am Thema Gewalt. „Ich habe Opfer von Gewalt gefragt, welche Erfahrungen sie mit der Kirche gemacht haben.“ Für viele dieser Frauen sei die Kirche kein Zufluchtsort, betonte die Referentin. Dies müsse sich ändern, die Tür der Kirche müsse für die Opfer offen stehen. „Das Opfer verlangt Handeln, Engagement und Erinnerungsbereitschaft. Gewalt fordert eine deutliche Sprache. Als Christen müssen wir in besonderem Maße Gewalt ernst nehmen“, sagte Haslbeck.
„Häusliche Gewalt wirksam bekämpfen“ lautete das Thema der zweiten Referentin, Marion Ernst vom Ministerium der Justiz in Saarbrücken. Die Leiterin der Koordinierungsstelle gegen Häusliche Gewalt sprach über die Bedeutung eines Landesgesamtkonzeptes: „Erst seit 2002 gibt es in Deutschland das Gewaltschutzgesetz. Dieses berechtigt die Polizei, Gewalttätern Hausverbot zu erteilen“, sagte Ernst. Zivilrechtlich und polizeirechtlich sei dies ein Meilenstein in der Gesetzgebung. „Die Opfer müssen nicht mehr fliehen, sie werden geschützt. Der Gewalttäter wird der Wohnung verwiesen“, unterstrich die Referentin. Arbeitsziele der Koordinierungsstelle seien der wirksame Opferschutz und die konsequente Strafverfolgung des Täters. Ein funktionierendes Gesamtkonzept setze die Zusammenarbeit von Polizei, Ziviljustiz, Strafjustiz, Frauenhäusern, Jugendämtern, Ärzteschaft und Schulen voraus.
Fehlende Erziehung Ursache der Gewaltbereitschaft
Der Trierer Polizeipräsident Dr. Manfred Bitter berichtete über Gewalt in der polizeilichen Praxis. Sie sei ein Massenphänomen. Es käme immer wieder zu Körperverletzung, Vergewaltigung und Misshandlung von Kindern, in seltenen Fällen auch zu Mord. Bei diesen Gewalttaten sei die Polizei erster Ansprechpartner. „In jeder dritten Partnerschaft gibt es Gewalt. 50 000 Frauen suchen pro Jahr Schutz in Frauenhäusern. 85 Prozent der Straftaten ereignen sich in Wohnungen.“ Warum gerade hinter verschlossenen Türen so viel los sei, führt Bitter auf Armut, Alkoholismus, hohe Arbeitslosigkeit und interkulturelle Unterschiede zurück. Als Hauptursache für Gewaltbereitschaft sieht Bitter aber vor allem die fehlende Erziehung im Elternhaus.
Maria Groß von der SkF-Beratungsstelle in Saarbrücken berichtete von rund 1 000 Beratungsfällen im Jahr. Insgesamt 40 Prozent der Klientinnen seien Ausländerinnen. Der Großteil käme wegen ungewollter Schwangerschaften. „Immer mehr ausländische Frauen sprechen das Thema Gewalt in Partnerschaften an“, betonte Groß. „Unsere Aufgabe als Beraterinnen ist, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, aktiv zuzuhören und Komplexe oder Stimmungsschwankungen der Frau mitzuteilen. Dabei müssen wir eine sachliche Distanz wahren und die Entscheidungen der Frau akzeptieren – auch, wenn sie sich von einem gewalttätigen Mann nicht trennen will“, erklärte Groß.
Schleichend wird psychische Gewalt zum Teufelskreis
Marlies Prem von der Trennungs- und Scheidungsberatung des SkF Trier berichtete im Rahmen der Tagung aus der Praxis. Sie beschrieb die Geschichte einer Klientin, die jahrelang unter psychischer Gewalt ihres Ehemanns litt. Immer wieder habe der Ingenieur seine Ehefrau gedemütigt. Mit Sticheleien vor den Kindern habe es angefangen: „Du kannst dir doch nichts aus dem Internet laden, dafür bist du viel zu blöd.“ oder „Du doofe Kuh.“ Doch das sei nur der Anfang gewesen. „Böse Blicke, Isolation und ständige Kontrolle folgten“, berichtete die Referentin. Die Klientin habe sich nach langem Ringen von ihrem Mann getrennt und wieder Selbstbewusstsein und Lebensmut aufgebaut. „Psychische Gewalt hat viele Facetten – vor allem ist sie aber nicht plötzlich da, sondern ist ein Prozess, der schleichend zum Teufelskreis wird“, unterstrich Prem.
Reizüberflutung durch die Medien
Regisseur Arno Jos Graf referierte über „Gewalt in den Medien“. Durchschnittlich 203 Minuten am Tag schaue der Deutsche fern, betonte der Regisseur. Ältere Menschen im Schnitt bis zu viereinhalb Stunden. „Die Fakten, die uns über die Medien geliefert werden, können wir gar nicht mehr verarbeiten“, sagte Graf. Durch Fernsehen, Internet, Radio, Theater, Handy und Printmedien erfolge eine völlige Reizüberflutung. Die Trennung zwischen realer und medialer Gewalt sei durch ein Ineinanderfließen der beiden Bereiche kaum mehr möglich. Die Darstellung von Gewalt im Fernsehprogramm sei mit auftreten der Privatsender (1984/85) von durchschnittlich acht Stunden am Abend auf 40 Stunden gestiegen. „Im Konkurrenzkampf um Einschaltquoten kann auf den Stimulus Gewalt nicht verzichtet werden“, unterstrich Graf.
Alle Referenten betonten, dass Gewalt gesellschaftlich verankert sei und aus diesem Grund nie privat sei. Besonders Christen hätten die Aufgabe, bei Gewalt hinzuschauen und zuzuhören, das Opfer zu schützen und den Täter anzuklagen.
Verführt die Darstellung von Gewalt in den Medien zu Gewalt?
Abschließend fand eine Podiumsdiskussion unter der Fragestellung „Verführt die Darstellung von Gewalt in den Medien zu Gewalt“ statt. Gisela Lauer moderierte die Diskussion mit Polizeipräsident Manfred Bitter, Regisseur Arno Jos Graf, Maria Elisabeth Thoma, Bundesvorsitzende des SkF, Psychologe Manfred Becker und Bruno Sonnen, Chefredakteur des Paulinus. Gewaltdarstellungen im Fernsehen seien nicht wirkungslos, betonte der Polizeipräsident. „Mediengewalt alleine ist kein Faktor für Gewalt in der Realität. Kommt aber vielleicht noch Alkoholismus oder etwa Arbeitslosigkeit hinzu, kann es zu Gewalt führen“, sagte Bitter. Außerdem führe die Gewaltdarstellung im Fernsehen zu Abstumpfung. „Wenn ich selber schon Gewalt erfahren habe, vielleicht im Elternhaus, kann Gewalt in den Medien zu Gewalt in der Realität führen“, erklärte Psychologe Manfred Becker. Besonders wichtig sei es, Eltern wieder zur richtigen Erziehung ihrer Kinder zu befähigen, sagte Thoma. Gemeinsam das Programm auswählen, gemeinsam fernsehen sei besonders wichtig, unterstrich die Bundesvorsitzende des SkF.
Carolin Meyer
Die Diözesantagung fand vom 04. bis 05. November 2004 im Josefstift in Trier statt.
Ausgewählte Beiträge
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