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Entwicklungspsychologische Beratung
Erfahrungsbericht
In der WOGE wurden im Laufe eines Jahres 5 Beratungsprozesse von 2 Diplom-Sozialpädagoginnen durchgeführt. Alle Mütter waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Vier der Kinder waren Säuglinge, die Beratung hatte in den ersten 4 Wochen nach der Geburt begonnen, ein Kind war 2 Jahre alt. Ein Beratungsprozess bestand aus 57 Videos mit Beratung, die jeweils in wöchentlichem Abstand durchgeführt wurden.
Der Zeitaufwand setzte sich nach der Einarbeitungsphase wie folgt zusammen: Ca. 30 Min. Videoaufzeichnung + ca. 2 Stunden Auswertung des Videos und Vorbereitung der Beratung + 1–1,5 Stunden Beratung + 15 Min. Dokumentation = insgesamt 3,5–4,5 Stunden pro Beratungseinheit.
Als Beraterinnen haben wir die Erfahrung gemacht, dass im Video viele Details der Mutter-Kind-Interaktion sichtbar werden, die wir im Alltag nicht wahrnehmen. Wir bekamen sehr schnell einen Eindruck vom Umgang der Mutter mit dem Kind. Auch wurden Zusammenhänge deutlich zwischen dem Verhalten des Kindes und den Reaktionen der Mutter.
Die Frauen nahmen die neue Form der Beratung gut an. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem Medium Video erklärten sich einzelne Bewohnerinnen bereit, am Forschungsprojekt mitzuwirken. Sie genossen die besondere Stellung in der Gruppe und waren motiviert durch den Gedanken, für uns Mitarbeiterinnen eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Nachdem die ersten Frauen den Beratungsprozess als positiv erlebt hatten, schwand die Skepsis auch bei den anderen. Inzwischen ist die videogestützte Beratung ein selbstverständlicher Bestandteil für jede Bewohnerin und die Frauen freuen sich über das Video, das sie als Erinnerung aus der ersten Zeit mit ihrem Kind behalten dürfen.
Die Beratung ist stark ressourcenorientiert. Positive Verstärkung ist hier auch möglich, wenn wir im Alltag nur noch Probleme sehen. Das Beratungssetting bietet den Frauen einen geschützten Rahmen, in dem sie über ihre Schwierigkeiten sprechen können, ohne die Befürchtung zu haben, dass Ergebnisse entgegen ihrer Interessen im Hilfeplan verwendet werden. Stärken und Schwächen sind auf dem Video für die Frauen deutlich sichtbar und wir konnten in vielen Fällen sehr viel schneller eine problembezogene Einsicht erreichen als dies in Gesprächen ohne Video erreichbar wäre. Das Video schafft eine gemeinsame Basis für ein Gespräch, in dessen Mittelpunkt das Kind steht. Vor allem für Frauen, die sehr belastet sind, ist es hilfreich, zu sehen, wie es ihrem Kind geht. Das Video befreit von Zuschreibungen und unterschiedlichen Erwartungen an das Kind und macht dessen Befinden klar deutlich. Die Lernziele sind in kleine, zu bewältigende Schritte aufgeteilt, was dazu geführt hat, dass sowohl für die Klientinnen als auch für die Beraterinnen kleine Erfolge schnell sichtbar wurden.
Insgesamt betrachtet bietet die videogestützte Beratung einen Rahmen, in dem das Wohl des Kindes als gemeinsames Interesse der Klientin und der Beraterin eine förderliche Gesprächsbasis ist, auf der sich die Frauen öffnen können. Lob und Kritik halten sich die Waage und sind so gut annehmbar. Lernerfolge werden in kleinen Schritten erzielt, dafür aber ohne Konflikte und Sanktionen.
Durch den Focus auf der Befindlichkeit des Kindes, der Mutter-Kind-Interaktion und der Mutter-Kind-Beziehung bekam dieser Bereich einen deutlich höheren Stellenwert, bei den Bewohnerinnen und im Team. Manchmal stellte es durchaus eine Herausforderung dar, im Team eine positive Mutter-Kind-Beziehung zu vertreten, wenn die Gesamtsituation der Bewohnerin eigentlich katastrophal war.
Das Auswerten der Videos und der damit für das Befinden des Kindes geschärfte Blick brachte uns als Beraterinnen viele Erfolgserlebnisse und manchmal an die Grenze der Belastbarkeit. Ich halte daher für Beraterinnen die Qualifikation einer DiplomSozialpädagogin für die Mindestvoraussetzung. Ich halte es ebenfalls für hilfreich, wenn mindestens zwei Kolleginnen in einer Einrichtung die Entwicklungspsychologische Beratung durchführen, um sich in schwierigen Fällen die Videos gemeinsam anzusehen und sich darüber kollegial beraten zu können. Supervisionsgruppen gibt es bislang noch nicht, solche wären aber in jedem Fall wünschenswert.
In der WOGE führen wir inzwischen mit jeder Bewohnerin einen Beratungsprozess durch, wenn sie mit ihrem Kind neu einzieht, wenn ein Kind geboren wird oder wenn während des Aufenthaltes Probleme auftauchen, die auf eine Interaktionsstörung zurückzuführen sind, z. B. Fütterproblematik, aggressives Verhalten etc. Die Entwicklungspsychologische Beratung wird nicht von der Bezugspädagogin durchgeführt Alltägliche Konflikte würden den Beratungsprozess negativ beeinflussen.
Die Beratung ist zeitaufwändig und nicht immer leicht im Gruppenalltag zu organisieren. Es wäre sicherlich sinnvoll, sie als Zusatzleistung anbieten zu können und über Fachleistungsstunden abzurechnen. Davon haben wir in der WOGE aufgrund der aktuellen finanziellen Lage der Kommunen abgesehen. Als Appartementhaus haben wir keine rund-um-die-Uhr-Betreuung und sind in der Zeiteinteilung etwas flexibel. So können wir die entwicklungspsychologische Beratung als qualitative Verbesserung unseres Angebotes integrieren. Andere Einzelgespräche mit den Frauen entfallen dafür teilweise. Viele Lernziele müssten wir mit den Frauen auch ohne entwicklungspsychologische Beratung erreichen und würden dafür auch Zeit benötigen.
Daniela Wohlfart Mutter-Kind-Wohnungen WOGE Moltkestr. 10 97082 Würzburg Tel. (09 31) 4 50 07-13 E-Mail wohlfart.daniela@skf-wue.de
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