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Unterstützungsangebote für Frauen mit Fluchthintergrund und ihre Kinder vor und nach der Geburt

2016 waren 50 bis 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg, Vertreibung oder Verletzung ihrer Menschenwürde. Gründe sind Kriege, ethnische Konflikte und Vertreibung, Verfolgung aus religiösen, ethnischen oder geschlechtsspezifischen Gründen, Menschenrechtsverletzungen, Umweltkatastrophen und Hunger. Ca. 80 % der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Ein großer Teil sucht als Binnenflüchtling im eigenen Land oder in den angrenzenden Nachbarländern Zuflucht. Den wenigsten Menschen gelingt die Flucht nach Europa. Lediglich 25 % der Flüchtlinge, die in Europa ankommen, sind Frauen und Kinder.

Neben den allgemeinen Fluchtgründen fliehen Frauen vor allem auch wegen (drohender oder erlittener) Vergewaltigung, Versklavung, Zwangsverheiratung und -prostitution, Genitalverstümmelung, Witwenverbrennung, Steinigungen, Bildungs- und Berufsverbote oder Verhüllungsvorschriften. Auch auf der oft jahrelangen Flucht und in den Flüchtlingslagern sind Frauen diesen Gefahren und Bedrohungen weiter ausgesetzt. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass alle Frauen traumatisiert sind.

Auch im Aufnahmeland ist die Situation von Flüchtlingsfrauen durch viele Herausforderungen gekennzeichnet: Die Situation in den Unterkünften (mangelnde Privat- und Intimsphäre, räumliche Enge, fehlende Rückzugsmöglichkeiten, sexuelle Übergriffe) kann zu einer Retraumatisierung führen. Dazu kommen die unsichere Zukunftsperspektive in Deutschland und der oft jahrelange Verbleib in den beengten Gemeinschaftsunterkünften. Zudem gibt es zu wenige Angebote, die Landessprache zu lernen, die Flüchtlingsfrauen sind finanziell auf externe Unterstützung angewiesen und haben geringe Chancen sich hier zu etablieren.

Besondere Herausforderungen für Frauen mit Fluchthintergrund vor und nach der Geburt
Besonders betroffen hiervon sind schwangere Frauen: Bekannte kulturelle Rahmungen, Traditionen und Unterstützungssysteme rund um Schwangerschaft und Geburt haben ihre Gültigkeit verloren. Die Schwangerschaft ist nicht immer freiwillig entstanden. Gleichzeitig fehlt es an Informationen über Versorgungssysteme, Normen und kulturelle Rahmenbedingungen von Schwangerschaft und Geburt. So sind Männer in der Geburtshilfe häufig Tabu. Die schwangeren Frauen fühlen sich oft alleingelassen, unsicher und orientierungslos.

Aufgrund der traumatischen Erlebnisse und Orientierungslosigkeit sind die Bindungs- und Erziehungskompetenzen der (werdenden) Eltern häufig eingeschränkt. Zudem bestehen teilweise massive Ehe- und Partnerschaftsprobleme: Eine Neuverteilung der Rollen steht an, die fehlende Alltagsstruktur und die beengten Wohnverhältnisse führen zu Konflikten. Viele der schwangeren Frauen leiden unter sozialer Isolation. Abgeschnitten von den eigenen Herkunftsfamilien bieten die Gemeinschaftsunterkünfte kaum Ersatz für fehlende Vertrautheit, Orientierung und Unterstützung durch ihre Mütter oder weitere weibliche Verwandte. Viele der Frauen fühlen sich überfordert, im Rahmen der Lebensbedingungen in den Gemeinschaftsunterkünften den Alltag für sich und die Kinder zu strukturieren und zu gestalten. Ein „normales“ Familienleben wird oft – aufgrund des Wohnungsmangels – auf Jahre unmöglich gemacht wird. In der Konsequenz kann dies zu Kontrollverlust, Handlungsunfähigkeit und nicht zuletzt zu Depressionen führen.

Etablierung spezifischer Maßnahmen zur Unterstützung und Begleitung schwangerer Frauen mit Fluchthintergrund im SkF Wiesbaden
Die starke quantitative Zunahme von Flüchtlingsfrauen als Klientinnen der Schwangerenberatungsstellen und ihre besonderen Bedarfslagen machen eine Etablierung spezifischer Unterstützungsmaßnahmen notwendig. Viele Schwangerenberatungsstellen und Träger von Angeboten Früher Hilfen haben sich in den letzten ein bis zwei Jahren dieser Herausforderung gestellt – darunter auch der SkF Wiesbaden.

Aus der Kenntnis der spezifischen Situation schwangerer Flüchtlingsfrauen vor Ort und vielen Vorarbeiten hat der SkF Wiesbaden zunächst vier Schwerpunkte der Arbeit identifiziert. Dazu gehören

  • die auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen mit Fluchthintergrund ausgerichtete Schwangerenberatung, die über das gesetzlich festgeschriebene Regelangebot hinausgeht
  • die alltagsnahe Schwangerenbegleitung durch geschulte Ehrenamtliche
  • die Herstellung von Kontaktmöglichkeiten, Zugang zu Spracherwerb und Hebammen
  • die Überprüfung der Wirkung der Angebote auf das Wohlbefinden und die Integration der Frauen

Die Etablierung einer niederschwelligen Schwangerenberatung für Frauen mit Fluchthintergrund wird durch zusätzliche Mittel des Bistums Limburg im Kontext der „Willkommenskultur für Flüchtlinge“ ermöglicht. Ziele sind die Informationsweitergabe zu strukturellen und medizinischen Rahmenbedingungen, die Beratung zu sozialrechtlichen Ansprüchen und Unterstützung bei deren Umsetzung, die Vermittlung finanzieller Hilfen aus der Bundesstiftung „Mutter und Kind“ oder dem Bischöflichen Hilfsfonds, die Begleitung zum Besuch von Geburtskliniken und zu Gynäkolog_innen sowie die Unterstützung bei der Vermittlung von Hebammen, Kursteilnahmen oder anderen Angeboten (wie z. B. MütterCafés oder städtische Kinder-Eltern-Zentren). Dies trägt dazu bei, dass die Frauen Sicherheit gewinnen, Ängste reduzieren und Überlastungssituationen vermieden werden. Auch besteht die Möglichkeit, die Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt im Prozess von Flucht einerseits und einer möglichen Zukunft in Deutschland andererseits aufzuarbeiten. Die Beraterinnen unterstützen in schwerwiegenden Fällen auch bei der Suche nach psychotherapeutischer Hilfe. Neben der Arbeit mit den schwangeren Flüchtlingsfrauen ist die Sensibilisierung der verschiedenen beteiligten Einrichtungen und Institutionen für deren Situation und Bedürfnisse eine besonders wichtige Aufgabe und Herausforderung. Die Berater_innen arbeiten dabei eng mit dem kommunalen Sozialdienst Asyl, den Not- und Erstaufnahmeeinrichtungen, den Hebammen vor Ort, Geburtskliniken und anderen Initiativen für Flüchtlinge zusammen.
Ab Mitte des Jahres werden in einem von der Deutschen Fernsehlotterie über drei Jahre geförderten Projekt eine alltagsnahe Schwangerenbegleitung durch geschulte Ehrenamtliche sowie ein Schwangeren-/Müttercafé mit Sprachvermittlung und Hebammensprechstunde etabliert. Die Schwangerenbegleitung durch Ehrenamtliche zielt auf die die Herstellung von sozialen Kontakten und Beziehungen, emotionalem Beistand und Orientierung (insbesondere für Alleinerziehende und Alleingelassene) sowie die alltagspraktische Unterstützung und Entlastung, die Integration in die Gesellschaft und den Abbau von Hemmschwellen gegenüber professionellen Angeboten. Das Schwangeren-/Müttercafé soll Kontakt- und Austauschmöglichkeiten eröffnen, niederschwellig Sprachkompetenzen und Informationen vermitteln und das Angebot, im Rahmen einer Hebammensprechstunde persönliche Fragen zu Schwangerschaft und Geburt sowie zur Entwicklung und Pflege des Babys zu erhalten.

Eine Aufgabe, der sich der SkF Wiesbaden zudem stellt, ist die Evaluation der Angebote. Als Verfahren werden, in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext, Befragung oder Beobachtung der Teilnehmer_innen oder Fragebögen eingesetzt. Sie dienen der Wirkungskontrolle, der Steuerung, Anpassung und Optimierung und erleichtern das Verständnis von Situationen und Prozessen. Dies soll als Basis für Überlegungen dienen, wie eine intensive Begleitung von schwangeren Flüchtlingsfrauen und ihren Kindern und die etablierten Angebote in die Arbeit der katholischen Schwangerenberatung transferiert und nachhaltig implementiert werden können.
Die Integration und Versorgung von (schwangeren) Flüchtlingsfrauen und ihren Kindern stellt auch in Zukunft eine große Herausforderung dar. Um diese Aufgabe meistern zu können und Willkommenskultur praktisch erfahrbar zu machen, werden zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen benötigt. Nur so können Angebote für Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder dauerhaft und nachhaltig implementiert und die vielen Ehrenamtlichen in ihrem großen Engagement dauerhaft unterstützt werden.

Dr. Marina Schmitt, Geschäftsführerin